06 Dez 2023

Die 10 größten Mythen der FSC®-COC-Gruppenzertifizierung

Für kleine Handels- und Verarbeitungsbetriebe ist Teilnahme an einer Gruppenzertifizierung die Lösung, um die FSC-Zertifizierung zu realisieren. Die Möglichkeit der Gruppenzertifizierung besteht seit über 15 Jahren. Rund 14 Prozent der in Deutschland FSC-COC-zertifizierten Betriebe sind Teilnehmer von Gruppenzertifikaten. Noch immer kursieren Aussagen über Gruppenzertifizierung, die schlichtweg nicht stimmen. Diese möchte ich als Leiter der größten FSC-Zertifizierungsgruppe Deutschlands, der ZGD, hiermit widerlegen.

Behauptung 1: Teilnehmer von Gruppenzertifikaten werden nicht so streng überwacht.

Richtigstellung: Teilnehmer von Gruppenzertifikaten werden strenger überwacht als einzeln zertifizierte Betriebe. Sie werden von der Gruppenleitung jährlich intern auditiert (FSC-STD-40-003 V2-1 Kapitel 5.3). Dies erfolgt auf der gleichen Grundlage wie die Audits der Zertifizierungsstellen. Zudem wird eine Stichprobe von der beauftragten Zertifizierungsstelle extern auditiert (gemäß FSC-STD-20-011). Einzelne Teilnehmer werden also sogar zweimal im Jahr auditiert. Das interne Audit kann im Falle eines externen Audits zwar entfallen, in der Praxis wird es meist trotzdem durchgeführt. Die Zertifizierungsstelle prüft die Durchführung und Dokumentation der internen Audits über die externen Stichproben hinaus auf Dokumentenbasis. In Summe erfolgen mehr Audits, als wenn jeder Betrieb einzeln zertifiziert wäre.

Behauptung 2: Interne Auditoren müssen nicht so gut qualifiziert sein wie externe Auditoren.

Richtigstellung: Zur Glaubwürdigkeit des Systems gehört qualifiziertes Personal. Für die Durchführung der internen Audits bei Gruppenzertifizierung macht FSC sehr strenge Vorgaben, zumindest für Gruppen ab 20 Teilnehmerbetrieben. Die Anforderungen an die Qualifikation der internen Auditoren ist auf gleichem Niveau wie für die Auditoren von akkreditieren Zertifizierungsstellen (FSC-STD-40-003 V2-1 Kapitel 5.2). Die Prüfung der Qualifikations- und Schulungsnachweise ist Bestandteil der externen Audits.

Behauptung 3: Wenn ein Gruppenteilnehmer gegen die Standards verstößt, verlieren alle Teilnehmer ihr Zertifikat.

Richtigstellung: Zur Feststellung, Bewertung und Verfolgung von Abweichungen gelten für Gruppenzertifizierung die gleichen Anforderungen wie für Einzelzertifizierung (FSC-STD-40-003 V2-1 Anhang B). Wenn ein Gruppenteilnehmer auf eine Weise gegen die Standards verstößt, dass er suspendiert werden muss, wird dies bei Einzelzertifizierung und  Gruppenzertifizierung gleichermaßen umgesetzt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf den Zertifikatsstatus der anderen Gruppenteilnehmer. Ein Teilnehmer kann sein Zertifikat nicht dadurch verlieren, dass ein anderer Gruppenteilnehmer Fehler macht.

Behauptung 4: Die Gruppenteilnehmer machen sich abhängig von der Gruppenleitung.

Richtigstellung: Betriebe, die sich einer Zertifizierung unterziehen, machen sich zweifelsfrei abhängig, und zwar abhängig von den Zertifizierungsanforderungen, die zwingend erfüllt werden müssen. Gruppenteilnehmer begeben sich dazu in die Hände von Experten. Kernaufgabe der Gruppenleitung ist, die zugrundeliegenden Standards für die Teilnehmer aufzubereiten und die Umsetzung in den Teilnehmerbetrieben sicherzustellen. Sie entwickelt und pflegt standardkonforme Dokumente, schult die verantwortlichen Personen in den Teilnehmerbetrieben und kontrolliert die Umsetzung vor Ort. Anpassungen an neue Standardanforderungen können von den Gruppenteilnehmern nicht verpasst werden, weil sie zentral von der Gruppenleitung umgesetzt und implementiert werden. Eine sehr nützliche Abhängigkeit!

Behauptung 5: Gruppenteilnehmer bekommen kein eigenes Zertifikat.

Richtigstellung: Gruppenteilnehmer bekommen eine eigene individuelle Zertifikatsurkunde. Diese hat das gleiche Erscheinungsbild und den gleichen Stellenwert wie ein Einzelzertifikat. Es ist darauf vermerkt, dass sie Teilnehmer einer Gruppenzertifizierung sind. Die Zertifikate werden daher auch als Subzertifikate bezeichnet. Diese werden von Abnehmern der Ware genauso anerkannt wie Einzelzertifikate. In der FSC-Datenbank sind die Gruppenzertifikate zu finden, inklusive Auflistung aller teilnehmender Betriebe (Beispiel ZGD). Die internationale FSC-Mitgliedschaft hat im Oktober 2022 entschieden, dass Gruppenteilnehmer zukünftig eigene Datenbankeinträge erhalten sollen (Motion 55). Umsetzung ist in Arbeit.

Behauptung 6: Für Gruppenteilnehmer gelten nicht alle Standardanforderungen.

Richtigstellung: Grundlage für die Produktkettenzertifizierung ist der Chain-of-Custody-Standard (FSC-STD-40-004). Dieser gilt unabhängig davon, ob Betriebe an einem Gruppenzertifikat teilnehmen oder sich einzeln zertifizieren lassen. Gruppenteilnehmer müssen sich an alle geltenden FSC-COC-Zertifizierungsanforderungen halten und darüber hinaus die Vorgaben der Gruppenleitung erfüllen (FSC-STD-40-003 V2-1 Kapitel 6.1).

Behauptung 7: Die Teilnahme an Gruppenzertifizierung ist nur „kleinen Betrieben“ möglich.

Richtigstellung: Die Gruppenzertifizierung wurde von FSC entwickelt, um kleinen Betrieben den Zugang zur Zertifizierung zu erleichtern. Was ein „kleiner Betrieb“ ist, wird dabei über die Anzahl der Mitarbeitenden und den Umsatz des Unternehmens definiert. Für Deutschland gilt derzeit: höchstens 15 Beschäftigte (Vollzeitäquivalent) ODER höchstens 3 Mio. Euro Jahresumsatz. Ein Vergleich mit anderen Definitionen zeigt, dass dies eher als Kleinst- oder Mikrounternehmen zu bezeichnen ist. Kleinbetriebe sind gemäß EU-Richtlinie 2013/34/EU, die auch Grundlage für die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten ist, Betriebe mit maximalen Nettoumsatzerlösen von 8 Mio. EUR und 50 Beschäftigten. Die Kriterien für Gruppenzertifizierung in Deutschland sind seit 2015 unverändert gültig. Der Erzeugerpreisindex ist seitdem auf 156,2 % angestiegen. Eine Anpassung der Gruppenkriterien und zukünftige Knüpfung an Inflationsraten ist überfällig.

Behauptung 8: Teilnahme an Gruppenzertifikaten ist SEHR VIEL kostengünstiger als Einzelzertifizierung.

Richtigstellung: Gruppenzertifizierung ist wie Einzelzertifizierung ein freier Markt. Die Kosten setzen sich immer aus verschiedenen Komponenten zusammen. Diese sind in der Regel: Durchführung und Dokumentation der Audits, Reisekosten, Verwaltungsgebühren und Gebühren an FSC (AAF). Bei der Gruppenzertifizierung erhalten die Betriebe zudem ein vollständiges COC-System, also alle erforderlichen Dokumente und Schulungen. Zudem steht ihnen die Gruppenleitung beratend zur Seite für die korrekte Umsetzung im Betrieb. Erstaunlich, dass das (mutmaßlich in den meisten Fällen) dennoch kostengünstiger ist als Einzelzertifizierung!

Behauptung 9: Gruppenteilnehmer zahlen keine AAF-Gebühr.

Richtigstellung: Für Gruppenzertifikate berechnet FSC eine Pauschale je teilnehmenden Betrieb sowie eine Gebühr, die abhängig ist vom Umsatz mit waldbasierten Produkten, hier der aufsummierte Umsatz aller Gruppenteilnehmer. Je mehr Teilnehmer und je größer die teilnehmenden Betriebe, desto mehr Gebühr erhält FSC. Wie die Gruppenanbieter dies mit den teilnehmenden Betrieben abrechnen, bleibt ihnen überlassen. Dabei kann es Konstellationen geben, bei denen die Gruppenteilnehmer gar nicht mitbekommen, dass sie AAF-Gebühren zahlen, weil diese in ihrer Teilnahmegebühr eingepreist sind. Eine Herausforderung für die Gruppenanbieter ist dabei, dass FSC die Gebühren jährlich an die globale Durchschnittsinflation anpasst, zuletzt 2023 um + 8,7 (!) Prozent.

Behauptung 10: Kleine Betriebe können sich auch ohne Gruppe FSC-zertifizieren lassen.

Richtigstellung: Natürlich können sich kleine Betriebe theoretisch auch ohne das Angebot von Gruppenzertifizierung zertifizieren lassen. Aufwand und Kosten sind für viele Betriebe aber schlichtweg nicht leistbar. Zwei Drittel der Teilnehmer der ZGD geben an, dass sie die FSC-Zertifizierung ohne die Gruppenzertifizierung nicht oder wahrscheinlich nicht hätten realisieren können (Kundenumfrage 10/2023).

 

Lesen Sie hier den Artikel Einfach in der Gruppe aus dem bindereport – Fachmagazin für Buchbinderei und Druckverarbeitung (11/2023).

 

Ansprechpartner:
Ulf Sonntag
Tel: 0561 40047680
E-Mail: info@zgd.de

 

Über die ZGD®

Die ZGD wurde 2011 von Diplom-Holzwirt Ulf Sonntag gegründet, um kleinen Betrieben den Zugang zur FSC-Zertifizierung zu erleichtern. Zunächst für Druckereien konzipiert, können heute Unternehmen aller relevanten Branchen an der ZGD teilnehmen. Die Abkürzung ZGD steht für Zertifizierungsgruppe Druck, Holz & Papier. Die Gruppe ist innerhalb von zwölf Jahren von 16 auf mehr als 400 Teilnehmer gewachsen. Zur Re-Zertifizierung 2016 wurde auch eine PEFC-Zertifizierungsgruppe gegründet. Mehr als 10 Auditoren sind für die ZGD bundesweit im Einsatz. Zertifiziert sind die Gruppen seit 2021 bei einer der weltweit größten Zertifizierungsstellen, dem TÜV Süd. Weitere Informationen: www.zgd.de

FSC Zertifikatsnummer: TSUD-COC-001718
FSC Warenzeichen-Lizenznummer: FSC® C106855

Über den FSC® (Forest Stewardship Council®)

Der FSC ist eine internationale, nichtstaatliche Organisation mit dem Ziel, die Wälder dieser Erde für zukünftige Generationen zu bewahren. Mit Hilfe eines weltweit gültigen Zertifizierungssystems fördert der FSC umweltgerechte, sozial verträgliche und wirtschaftlich tragfähige Waldbewirtschaftung. Wegbereitend für die Entwicklung des FSC war die Formulierung der Agenda21 auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992. Der FSC wird von allen großen Umweltverbänden, zahlreichen Gewerkschaften und Verbraucherorganisationen, Waldbesitzern sowie Unternehmen und Verbänden der Holzwirtschaft unterstützt. Weitere Informationen: www.fsc-deutschland.de